Elegant, melancholisch, manchmal bedrohlich, mit schwelgenden Klaviermelodien, wüst wimmernden Orgeln und flott gelooptem Maultrommelgeploinke; von güldener kalifornischer Sonne befunkelt un

Foto: Benjakon

SOPHIA KENNEDY - MONSTERS

Im Sommer 2017 ist ihr Debutalbum eingeschlagen und hinterließ Krater der Bewunderung weit über Deutschland hinaus. Das tönende Geschoss hieß «Sophia Kennedy», nach der in Baltimore, USA, auf-gewachsenen und in Hamburg lebenden Musikerin selbst betitelt.  Im Innern waren verlötet: sprachfreu-diges und stimmstarkes Songwriting mit auch mal dunkel funkelnder Elektronik von Mense Reents (Die Vögel, Die Goldenen Zitronen). Alles auf einen Schlag da: der Glam der Showbühne, das Sprachspiel des Varietés und der Modernismus des Clubs. Soziale wie asoziale Medien waren hingerissen, Nerds und Normalsterbliche standen vereint in den vielen Konzerten, die folgten. Manchen schien die Welt so fast in Ordnung. Vor bald vier Jahren.
Zwischenzeitlich hat Kennedy mit Helena Ratka unter ihrem Projektnamen Shari Vari ein darkes, danciges Debutalbum veröffentlicht («Now», Herbst 2019). Jetzt kommt «Monsters», das zweite von Sophia Kennedy. Und die Welt ist wahrlich nicht mehr die gleiche.
Kennedys Kunst preist den Wandel mit ein: Sie taumelt, sie torkelt, als wäre sie auf dem Heimweg nach einer langen Nacht. Die Musik flattert, nicht alle Streicher und Synthies sind genau gestimmt. Der Boden schwankt. Und doch hat die Musik mehr Platz zum Atmen. Sie ist kaputter und wirkt lebendiger. Es ist noch immer Sophia Kennedy, wie wir sie lieben. Aber sie ist jetzt viele.
«Monsters» ist Musik zur bipolaren Gegenwart. Ein Album, das die Fliehkräfte der Zeit nicht abwehrt, sondern in dreizehn Songs zum Tanz bittet.
«Monsters» spielt mit den unklaren Zuständen zwischen Bedrohung und Befreiung. Der Pop von Sophia Kennedy ist kein Parteiprogramm, sondern ein Panoptikum der Möglichkeiten, die es angstfrei auszuprobieren gilt.  «Are you fact, are you fiction / you appear in many shapes / we will both look the same / once we lie in our graves» singt Kennedy in der Strophe von «I Can See You», die an Karen Dalton erinnert, eine US-amerikanische Folksängerin der Sechzigerjahre, der man die Genussmittel ähnlich gut anhörte wie Billie Holiday. Im Refrain klingen Kennedys Stimmbänder aber wieder so dehnbar wie das Gummi einer Steinschleuder. Unter- oder überspannt, high or low, orange or blue: Wer kann das immer auseinander halten?
So hören wir auf «Monsters» oft mehrere Versionen von Sophia Kennedy. Manchmal im selben Lied wie in «Orange Tic Tac», diesem Bericht aus der digitalen Nachrichtenwelt, in der Lethargie und Aktionismus miteinander ringen. Sei es, weil einen der Feed runterzieht. Oder weil die Stimmung nach oben ausschert beim Anblick des orangenen Himmels, obwohl der dem Feuer in Kalifornien geschuldet ist. Tic, Tac, tickt die Uhr, heißt aber auch die süße Pille im orangenen Plastikbehälter, die selbst nach Pop klingt: Tic Tac!
«Monsters» lässt uns auch die Arbeitsgemeinschaft Kennedy-Reents besser hören, die eine herkömmliche Beziehung von Musikerin und Produzent an Intensität weit übertrifft. Beide machen fast alles – Kennedy sitzt auch mal an Beats, Reents komponiert mit. «Wir hatten viel Spaß, meine Stimme wie ein HipHop-Sample zu bearbeiten», sagt Kennedy. Das Album geht gleich los mit einem verpeilten R&B-Gefühl in «Animals Will Come». Ein Shot Hustensaft am Nachmittag.
Kennedy spielt mit dem Drama, das auf «Monsters» die Psychedelik sucht, die Zonen, wo die Vernunft nicht mehr Alleinherrscherin ist. Wenn die Musik flattert, muss die Sängerin die Ruhe bewahren. Und wer so souveräne Nummern schreiben und singen kann, muss sich vor der Falle des Authentischen in Acht nehmen. «Francis» ist so ein Song, der meisterinnenhaft die Abgründe bürgerlicher Normalität ausmalt. Jetzt hauen düstere Synthies rein, der Abgrund zittert schwarz.
Auch künstlerisch sind zwei Kräfte am Werk, die den Eindruck der Lebendigkeit verstärken. Das gilt auch für die Frage der Beats: Mehr dem Song trauen, weniger Beats auffahren, doch aufdrehen? Jedes Lied hat zwar eine eigene Antwort gefunden, aber der Sphäreneffekt bleibt bestehen. Musikalisch, weil Patterns und Muster das Hämmern der Beats ersetzen, was in Deutschland in der Tradition des Krautrock steht. Man hört es auch dem Songwriting an, das ins Surreale gleitet und abhebt wie in «I'm Looking Up» und «Chestnut Avenue» (wo Stephan Rath von den Goldenen Zitronen Schlagzeug spielt).
Die Chestnut Avenue gibt es wirklich, aber die Wirklichkeit ist reicher, als sie scheint. Es ist eine Straße in Baltimore, wo Kennedy und ihre Familie herkommt. Es ist die Übersetzung der Kastanienallee in Hamburg, wo Kennedy früher mal wohnte und die Aufnahmen statt fanden. Und es ist ein Witz mit den Beatles, die die Adresse ihres Studios in den Albumtitel hievten: «Abbey Road». Am Ende hören wir eine Stimme wie aus dem Control room sagen: «Alright, Paul, thank you very much.» Ein lustiges Spiel indem sich Kennedy als „Abbey Road“ Ton-Ingenieur inszeniert, der Paul zufrieden zuruft. Der Song ist eine Reflexion auf den Größenwahn (und sein Gegenteil, die Angst vor dem Versagen).
Jede Aufnahme ist ein potentielles Gespräch mit den Toten.  
Am Ende von «Dragged Myself into the Sun», einer Erinnerung an Kennedys frühe Tage, eher Nächte in der Hamburger Bohème, spricht die mittlerweile verstorbene Großmutter aus Baltimore am Telefon: «I am glad you are meeting interesting people and you like the city». Diese interessanten Leute sind manchmal die Monster, die man selber hervorbringt. Im Leben, auf der Bühne, im Studio. Sie zu verdrängen wäre sinnlos. Sie zu vertonen und in der Kunst zu bändigen, ist die viel bessere Idee. Vor allem wenn Sophia Kennedy den Job übernimmt.

 

Programm

„Sophia Kennedy eröffnet auf »Monsters« einen faszinierenden kleinen Horrorladen voll bittersüßer Pop-Bonbons: unser Album der Woche.“ (SPIEGEL Kultur 07.05.21)

„…’Monsters’ ist der Wahnsinn! Heißer Kandidat für das beste Album 2021 aus Deutschland.“ (tipBerlin 14/2021)

 „… hier kommt alles in einem Feuerwerk zusammen. Und das hat es wahrlich in sich.“ (GALORE 05/2021)