Katja Riemann & Arne Jansen
Friedensreich, ein Doitschlandabend
Was ist los in Schrebergärten, Boutiquen, im Theater, unter Journalisten und Ökos, in der Bahn und anderswo? Im Osten, wie im Westen?
Vor ungefähr einem Jahr hatte Katja Riemann die Idee zu diesem Abend. Es galt in den Proben heraus zu bekommen, ob sich ohne dramaturgische Krücken erzählen ließe, worüber sie phantasieren wollte: über diese Merkwürdigkeit und Sperrigkeit im täglichen Umgang mit den Bewohnern dieses Landes.
Unter zu Hilfenahme der Texte von Sibylle Berg und der Musik von Rammstein befassen sich Katja Riemann und Arne Jansen mit dem Thema Deutschland. Dass dabei freiwillig oder unfreiwillig Komik entsteht, bedarf keiner Erklärung, dass darüber hinaus Sehnsucht und die Fähigkeit zur Schwermut kolportiert wird, ebenfalls....
Katja Riemann, geboren und aufgewachsen bei Bremen, ist Schauspielerin und Sängerin. Studium des zeitgenössischen Tanzes und Schauspiels in Hamburg, Hannover und München. 1987 erstes Theaterengagement an den Münchner Kammerspielen, anschließend am Berliner Schillertheater. Seit 1993 freischaffend. Viele Rollen bei Film und Fernsehen, wie 1987 in Peter Beauvais’s „Sommer in Lesmona“, für den Sie den Adolf-Grimme-Preis erhielt. Seitdem bekam sie dreimal den Deutschen Filmpreis, dreimal den Bayrischen Filmpreis, den Ernst Lubitsch Preis, je zweimal den Bambi und die Goldenen Kamera. Für ihre Hauptrolle in Margarethe von Trotta’s Film „Rosenstrasse“ erhielt sie 2003 den goldenen Löwen von Venedig und für den Soundtrack zum Film „Bandits“, den sie gemeinsam mit Jasmin Tabatabai und Nicolette Krebitz geschrieben hat, 1997 die Goldene Schallplatte.
Arne Jansen, geboren in Kiel, aufgewachsen in Flensburg, ist Musiker. Er machte nach dem Abitur ein Studium der Jazzgitarre an der Universität der Künste in Berlin und spielte u.a. mit Paul Van Dyk, Gitte Haenning, Jocelyn B. Smith, Zülfü Livaneli, Tim Fischer. Mit dem „Arne Jansen Trio“ wurde er 2007 Preisträger beim Studiowettbewerb des Berliner Senats. 2008 erhielt er mit „Firomanum“ den Förderpreis beim „Jazz Baltica“.
„Auf der Bühne der Gitarrist Jansen, ein Musikant wie ein ganzes Orchester, und die Riemann. Sie spricht, haucht, säuselt, hyperventiliert die brillanten, gnadenlosen, sehnsüchtigen Berg-Texte, singt, grölt, kreischt Lieder von Rammstein und anderen. Und plötzlich sind alle in diesem einen Raum: die bösen Buben oi, oi, die Schrebergärtner mit ihrer verdammten Sehnsucht, die eitlen Künstler, die gemeinen Verkäuferinnen und das ganz ruinierte, niedliche, kleinliche, zerrissene, zynische, kitschige, einzige Vater- und Mutterrrrland. Kunst wird es nicht ändern, aber sie kann die Aufmerksamkeit schärfen, und genau das macht dieser "Doitschlandabend"." (Ostthüringer Zeitung 14.10.2009)
„Sanft mit vielen Widerhaken
Schauspielerin Katja Riemann beeindruckt im Staatstheater. Gemeinsam mit dem Instrumentalisten Arne Jansen präsentierte Sie in Oldenburg ihren „Doitschlandabend". Das große Haus war nahezu ausverkauft.
Ob Katja Riemann nun tatsächlich die Oberzicke der Nation ist, konnte der Sonntagabend auch nicht abschließend klären. Einerseits: Ihr Ton war phasenweise harsch, provozierend, manchmal zerstörerisch, gelegentlich sogar beleidigend. Andererseits: Hinter diesem hübschen Lächeln, den versöhnlichen Passagen, den sensiblen Einwürfen und liebevollen Ansichten kann keine böse Frau stecken, denkt man.
Katja Riemann genießt diese letzte Unsicherheit bei ihrem Publikum, frei nach dem Wilhelm-Busch-Motto „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert“. Nicht, dass der Ruf der deutschen Schauspielerin, deren aktuelles Programm „Friedensreich – Ein Doitschlandabend“ für ein nahezu ausverkauftes Oldenburger Staatstheater sorgte, etwa angekratzt oder gar ruiniert ist. Aber man fragte sich im Laufe des Abends schon: Engel oder Hexe, Agent Provocateur oder Friedenstaube?
Genau diese Frage ließ die 45-Jährige bewusst unbeantwortet, jonglierte gekonnt mit ihr, untermauerte sie sogar, um schon im nächsten Augenblick zu dokumentieren: Seht her, ich bin nicht so schlimm, wie alle denken. Dazu gehörten artige Verbeugungen, ein unverkennbares Augenzwinkern, wenn es inhaltlich mal allzu derbe wurde, sowie kleine sympathische Gesten in Richtung ihres Begleitmusikers Arne Jansen.
Dem Instrumentalisten gebührt übrigens ein Sonderlob: Ausgestattet nur mit Gitarre und Effektgeräten, kreierte Jansen ein atmosphärisch dichtes, jederzeit stimmiges Gegengewicht zur Prosa der ostdeutschen Heavy-Metal-Band Rammstein.
Riemann und Texte von Rammstein, das harmoniert? Nun ja, die morbide Melancholie der Heavy-Metal-Lyrik, ihr zerstörerisches Element, gepaart mit Sehnsucht, Hoffnung und Sensibilität, irgendwie entspricht es der Mentalität Riemanns. Ebenso wie die Gedanken der Schriftstellerin Sibylle Berg, die sie aufgreift und in einen interessanten Kontext stellt. Dabei schlüpft Katja Riemann nicht nur in eine Rolle, sie verkörpert geradezu diese Widersprüchlichkeiten: Auch hinter ihren strahlend blauen Augen, den sanften Gesichtszügen verbergen sich ganz offenkundig sperrige Widerhaken, der Wunsch nach Revolte und ein gehöriges Maß an Unangepasstheit. Deswegen wirkte das Bühnenprogramm des aus Kirchweyhe bei Bremen stammenden Medienstars so authentisch. Und so sympathisch." (erschienen am 23.06.09, NWZ, Matthias Mineur)